18.03.2021

Unsere Chöre brauchen eine Perspektive

Brief der SCV-Präsidentin an die Sächsische Staatsregierung

In einem Brief an Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer und Sozialstaatsministerin Petra Köpping mahnt Luise Neuhaus-Wartenberg, Präsidentin des Sächsischen Chorverbandes, eine Perspektive für Sachsens Laienchöre und -ensembles an.

In einem Brief an Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer und Sozialstaatsministerin Petra Köpping mahnt Luise Neuhaus-Wartenberg, Präsidentin des Sächsischen Chorverbandes, eine Perspektive für Sachsens Laienchöre und -ensembles an. „Unsere Chöre und Ensembles haben im zurückliegenden Jahr gezeigt, dass sie in dieser Pandemie verantwortungsvoll die verordneten Vorschriften und Regeln einhalten. Orientiert an den jeweiligen Schutzverordnungen und medizinisch nachvollziehbaren Erkenntnissen folgend, haben wir Hygiene- und Probenkonzepte entwickelt und haben mit Vernunft und in Verantwortung für das Gemeinwohl dazu beigetragen, alles uns Mögliche zur Eindämmung des Virus im Freistaat beizutragen. Allein in unserem Verband haben 260 Chorvereine mit über 8000 Mitgliedern im Alter von sechs bis über 80 Jahren in vielen ehrenamtlichen Stunden mit kreativen Ideen versucht, die Gemeinschaft der Chorsingenden zusammenzuhalten, zum Durchhalten motiviert, ihren Sänger*innen Mut zugesprochen, sind neue Wege in die Digitalisierung gegangen und sich auf einen Neustart des Chorgesangs orientiert,“ schreibt Luise Neuhaus-Wartenberg. Und weiter: „Nach einem Jahr Erfahrungen pandemischer Einschränkungen ist es für unsere Mitgliedschöre nur schwer akzeptabel, dass die Staatsregierung aus Chor-Sicht eine politische Entscheidung trifft, mit der sie gefühlt eine große zivilgesellschaftlich stark engagierte Bevölkerungsgruppe in Sachsen ohne Perspektive und Diskussion darüber, wann und wie das Chorsingen wieder gehen könnte und was alle dazu beitragen müssten, hängen lässt.“ Aus diesem Grund appelliert sie an die Sächsische Staatsregierung: „Schenken Sie unseren Laienchören und -ensembles Vertrauen, in dem Sie ihnen Perspektiven zeigen, das einzigartige, für Sachsen traditionsreiche Chorsingen zu erhalten und auf die Bühnen und in die Kommunen schon bald zurückzubringen.“

 

Hier können Sie den vollständigen Wortlaut des Briefes lesen.

 

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Michael Kretschmer,

sehr geehrte Frau Staatsministerin Petra Köpping,

 

seit einem Jahr ist es sehr still geworden auf den Kleinkunst-Bühnen in Gasthöfen, in Parks, in Konzerthäusern und im öffentlichen Raum. Seit gut einem Jahr ist eines der schönsten sächsischen Kulturgüter verstummt: der Gesang unserer Laienchöre.

 

Geht es nach den Ausführungsbestimmungen zur Sächsischen Corona-Schutz-Verordnung vom 5. März 2021, so werden unsere Laienchöre und -ensembles auch 2021 den Frühling nicht gesanglich begrüßen dürfen. Denn hier heißt es:

 

Grundsätzlich untersagt ist der Betrieb aller Institutionen und Einrichtungen, die der Freizeitgestaltung dienen und ebenso die Durchführung von Veranstaltungen, die der Unterhaltung dienen. Dementsprechend sind auch die Aktivitäten, insbesondere Proben von Musikvereinen, Laienorchestern, -chören, Theater- und ähnlichen Gruppen im Freizeitbereich aktuell nicht möglich.

 

Unsere Chöre und Ensembles haben im zurückliegenden Jahr gezeigt, dass sie in dieser Pandemie verantwortungsvoll die verordneten Vorschriften und Regeln einhalten. Orientiert an den jeweiligen Schutzverordnungen und medizinisch nachvollziehbaren Erkenntnissen folgend, haben wir Hygiene- und Probenkonzepte entwickelt und haben mit Vernunft und in Verantwortung für das Gemeinwohl dazu beigetragen, alles uns Mögliche zur Eindämmung des Virus im Freistaat beizutragen. Allein in unserem Verband haben 260 Chorvereine mit über 8000 Mitgliedern im Alter von sechs bis über 80 Jahren in vielen ehrenamtlichen Stunden mit kreativen Ideen versucht, die Gemeinschaft der Chorsingenden zusammenzuhalten, zum Durchhalten motiviert, ihren Sänger*innen Mut zugesprochen, sind neue Wege in die Digitalisierung gegangen und sich auf einen Neustart des Chorgesangs orientiert.
 

Verstehen Sie uns als Verband bitte nicht falsch. Wir wissen um den Umstand, dass eine derartige Krise von Allen Alles abverlangt, wir aber dennoch gemeinsam in der Verantwortung stehen, Entscheidungen abzuwägen und vor allem zu erklären, gar zu begründen.

 

Mit dem erneut andauernden Verbot sämtlicher Aktivitäten ohne das Aufzeigen einer Perspektive nehmen Sie unseren Chören und Ensembles nunmehr nicht nur jede Hoffnung und jeden Mut, bald wieder anderen mit ihrem Gesang und ihren Auftritten Lebensfreude zu schenken, Gemeinsinn in den Kommunen zu stiften und das gesellschaftliche Miteinander zu befördern. Keine Perspektive zu zeichnen und zu kommunizieren, birgt latent die Gefahr in sich, dass unsere Chöre in den Dörfern, Städten, in den Schulen und Einrichtungen des Freistaates die Existenz der Laienkultur-Landschaft in Sachsen als Basis des kulturellen Lebens in den Kommunen überhaupt kaputt gehen. Ohne Proben, nicht mal unter freiem Himmel bei besserem Wetter mit besonderen Auflagen, werden unsere Chöre und Ensembles auf Grund dessen in absehbarer Zeit nicht mehr singfähig sein, die Chorvereine und Ensembles werden als wesentlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Miteinander im Freistaat Sachsen, des sozialen Zusammenlebens, der kulturellen Vielfalt, der gesellschaftlichen Wertevermittlung und auch der politischen Bildung auseinanderfallen.
 

Wir appellieren an Sie, dies nicht zuzulassen. Nach einem Jahr Erfahrungen pandemischer Einschränkungen ist es für unsere Mitgliedschöre nur schwer akzeptabel, dass die Staatsregierung aus Chor-Sicht eine politische Entscheidung trifft, mit der sie gefühlt eine große zivilgesellschaftlich stark engagierte Bevölkerungsgruppe in Sachsen ohne Perspektive und Diskussion darüber, wann und wie das Chorsingen wieder gehen könnte und was alle dazu beitragen müssten, hängen lässt.

 

Wir möchten, dass Sie in Ihrer Verantwortung für unsere Laienchöre und -Ensembles wie für die Laienmusik in Sachsen insgesamt diese Entscheidung überdenken und in Ihren Gremien auf Landes- und Bundesebene thematisieren. Wir wissen von Chorverbänden aus anderen Bundesländern, dass ebenfalls der Wunsch besteht und formuliert worden ist, dieses Anliegen bis in die Runde der Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten zu tragen und zu diskutieren. Wir wünschen uns, dass wir gemeinsam für die künstlerischen Laienensembles in Sachsen ebensolche Regelungen und Lösungen finden wie beispielsweise für den Breiten- und Amateursport und andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens.

 

Wir, 260 Laienchöre und -ensembles des Sächsischen Chorverbandes, deren über 8000 Sängerinnen und Sänger und deren Familien und Freunde, haben gezeigt, dass sie in dieser für uns alle außerordentlichen Situation mit gebotener Zurückhaltung, hohem Verantwortungsgefühl und äußerst engagiert die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie im Freistaat mittragen. Es braucht allerdings ein Zeichen, dass auch Ihnen die Laienkultur als Bestandteil des kulturellen Lebens so wichtig ist wie es in den letzten Wochen auf politischer Bühne immer wieder postuliert wurde.

 

Schenken Sie unseren Laienchören und -ensembles Vertrauen, in dem Sie ihnen Perspektiven zeigen, das einzigartige, für Sachsen traditionsreiche Chorsingen zu erhalten und auf die Bühnen und in die Kommunen schon bald zurückzubringen.


 

Mit herzlichen Grüßen

Ihre Luise Neuhaus-Wartenberg,

Präsidentin des Sächsischen Chorverbandes e. V..


Sächsischer Chorverband e.V.
Bahnhofstraße 1
09669 Frankenberg / Sa.

Sächsischer Chorverband e.V.